balkanbar

DER WEIN IST SCHAL

Verfasst von: soniato85 Am: Dezember 5, 2010

Mit einem kräftigen Zug am Reißverschluss öffnet Ioana die Tasche. Sie hat den Duft der Heimat mitgebracht. Naphtalin durchdringt Tudors Nasenflügel und füllt seinen Kopf mit Erinnerungen an das Haus seiner Großeltern, wo sich in jedem Schrank mehr Mottenkugeln als Kleider befanden. Dieser Geruch lässt seine Frau und alles andere um sie herum unwahrscheinlich altern. Ioana scheint von dieser Stimmung auch eingenommen worden zu sein. Ihre Bewegungen werden schwerfällig und sie entschließt sich, die Tasche später auszupacken.

Fortsetzung folgt. Vielleicht. :-)

MEINE ENGEL UND ICH

Verfasst von: soniato85 Am: Juni 8, 2010

Mein Herz führt an einer Leine

Stets zwei Engel mit.

 

Zu meiner Linken den einen:

 

Rabenschwarz sind seine Augen,

Trüb wird alles, was sie saugen,

Scharlachrot sind seine Lippen,

Verseucht wird alles, woran sie nippen.

 

Zu meiner Rechten den anderen:

 

Smaragdgrün sind seine Augen,

Klar wird alles, was sie saugen,

Blütenweiß sind seine Lippen,

Erlöst wird alles, woran sie nippen.

 

In der Umarmung ihrer Flügel

Atme ich meinen Traum.

 

Vom einen Engel habe ich das Haar,

Vom anderen die Haut;

Doch die Lippen und Augen,

Sie sind mein.

AMERIKA

Verfasst von: soniato85 Am: Januar 16, 2010

Für meinen Vater, Konstanz 2010

 

Er dreht die Musik leiser. Ich kenne das Ritual schon seit langem, denn so macht er das immer, wenn er mir etwas sagen will. Mein Blick wendet sich von der vorbeirasenden Landschaft ab, hin zum immer kleiner werdenden Dreieck, das die Lautstärke der Musik anzeigt. Und dann zum Rückspiegel, wo sich unsere Blicke treffen. Ich sitze hinten, hinter ihm. Es war heute der einzig freie Platz. Der restliche Raum ist mit Paketen ausgefüllt, die er heute alle ausliefern muss.

 

Zum ersten Mal verstehe ich, was Leute damit meinen, wenn sie sagen, dass ich ihm aus dem Gesicht geschnitten bin. Denn für ein paar Momente weiß selbst ich nicht, ob ich in seine Augen oder in meine eigenen blicke. Ich kneife leicht die Augenbrauen zusammen und erkenne an der Zornfalte meine Stirn und meine Augen. Seine grünen Augen wenden sich wieder der Straße zu. Die Sonne kommt raus, seine Ray-Ban-Brille findet Verwendung und trennt wieder unsere Welten. Ich habe diese Brille stets gehasst, er hat sie immer geliebt.

 

Ich weiß nicht, was mein Vater mir sagen will. Aber die Ray-Ban kann nichts Gutes verheißen. Es hat mir nie Glück gebracht, wenn sie dabei war. Einmal habe ich sie mir von ihm ausgeliehen. Ich war irrsinnig stolz, dass er sie mir tatsächlich geborgt hat. Das hätte ich nie gedacht. Dies war meine Chance, die Brille endlich kaputt zu machen. Versehentlich, versteht sich. Doch getraut hab ich mich damals nicht. Und nun blitzt sie weiterhin allem und jedem gepflegt, stolz und kühl entgegen.

 

Endlich eröffnet er das Gespräch.

 

“Ich hab wieder bei der Green-Card-Lotterie mitgemacht.”, sagt er.

“Ja, das machst Du doch jedes Jahr.”, antworte ich.

 

Die Musik im Radio stört ihn offensichtlich noch immer, obwohl man sie jetzt wirklich kaum hört. Er gibt ein paar sehr balkanische Flüche über das balkanische Gesindel von sich, dessen Musik gerade läuft und drückt kräftig aufs Gaspedal. In der Tat hört man jetzt nicht mehr die Musik, sondern nur noch das Rattern des Motors. Vermutlich gibt es auf der Welt wirklich mindestens genau so viele Lösungen, wie es Menschen gibt.

 

“Also ich hab wieder bei der Lotterie mitgemacht.”, setzt er neu an.

“Tata, das sagtest du bereits.”, erwidere ich.

“Ach so, richtig. Nun, diesmal hat es geklappt.”

“Was?”

“Es hat geklappt.”

Ich glaube, er meint tatsächlich was er da sagt. Ich wundere mich darüber, dass sich in mir nichts regt. Und ob er sich freut oder nicht, das kann ich auch nicht richtig erkennen. Die verfluchte Ray-Ban versperrt mir den Weg. Seit dem ich denken kann, versucht mein Vater schon nach Amerika auszureisen. Niemand in der Familie dachte, dass er Chancen hat. Deshalb machte sich auch niemand die Mühe, sich gegen seinen Traum zu stellen. Seine Schwärmerei für Amerika und seine ständigen Misserfolge bei der Green-Card-Lotterie gehörten irgendwann zu unserem Leben dazu. Wir hatten uns mit seinem Amerikatraum arrangiert. Meine Mutter und ich jedenfalls. Meine jüngere Schwester weiß noch nicht, was Amerika ist. Trotzdem gibt es jemanden, der den Traum meines Vaters teilt. Das ist sein guter Freund Miro.

“Fahren wir noch kurz zu Miro, ich muss ihn kurz sehen. Lass uns danach sprechen.”, sagt er.

“In Ordnung.”

Mein Vater verschwindet ins Haus. Ich drehe die Musik lauter und will mich zurücklehnen. Da sehe ich, dass mein Vater seine Brille vergessen hat. Ich greife nach ihr und betrachte sie. Ich schwelge gerade in Gedanken, als es plötzlich an der Fensterscheibe hämmert. Es ist Miros Sohn. Ich erkenne ihn, als er den Motorradhelm abnimmt und mir ein Zeichen gibt, dass ich die Fensterscheibe runterdrehen soll.

“Hast Du’s schon mitgekriegt? Ihr habt gewonnen! Und wir auch!”, sagt er ganz aufgeregt.

 

Er ist ganz außer Atem und ganz außer sich.

 

“Mein Vater sagte es mir eben. Aber von Euch wusste ich nichts. Ihr also auch?”

“Ja, der Plan ist komplett aufgegangen!”

“Plan? Was für ein Plan denn?”

“Du weißt nichts vom Plan?”

“Nein.”

“Dein Vater ist ein Genie. Er hat Recht: Man muss einfach angeben, dass man keine Kinder hat. So haben sie’s diesmal gemacht – und geschafft. Jeder weiß doch, dass das keine wirkliche Lotterie ist. Die Amerikaner brauchen flexible Leute und Leute mit Kindern sind nun mal nicht …”

“Was? Sie haben … Was?”, stoße ich entsetzt aus.

 

Ich warte nicht mehr darauf, dass er etwas sagt. Ich steige aus dem Auto aus und haue die Tür mit voller Wucht zu. Ich greife noch nach der Brille auf dem Hintersitz und laufe. Seine fragenden Rufe treiben mich nur noch stärker und schneller weg. Ein paar Straßen weiter beginne ich, die Brille mit bloßen Händen zu zerdrücken. Ich hungere danach, sie ganz zu zerstören. Die Stücke, die abfallen, zertrete ich mit ganzer Kraft. Und am Ende starre ich nur noch auf die sonst so adrette Ray-Ban, die nun in Stücken liegt, auf einer ordinären Straße. Nirgendwo anders gehört sie hin.

Zu Hause angekommen schreite ich direkt in mein Zimmer. Es vergehen kaum ein paar Minuten, da höre ich die tapsigen Schritte meiner Schwester. Gleich danach klopft es – an der Tür und in meiner Brust. Ich denke darüber nach, was ich ihr erzählen soll. Als die Zeit noch ein Kind war, da hat Tata zu suchen begonnen. Bis ans Ende der Welt wäre er gegangen, um das Gesuchte zu finden. Und nun ist Vaters alte Suche nach der neuen Welt zu Ende. Ja. Andere Gedanken kann ich nicht fassen.

GLEICH UND GLEICH GESELLT SICH GERN

Verfasst von: soniato85 Am: Januar 12, 2010

In der Hoffnung, ein paar von Euch für meine alte und ewige Liebe, die Biologie, zu begeistern, möchte ich heute einen naturwissenschaftlichen Ansatz vorstellen. Da ich ja bezwecke, dass Euch dieser Eintrag im Gedächtnis bleibt, werde ich ein sehr kontroverses Thema wählen – und zwar die Homosexualität.

 

Ich werde zunächst kurz zwei der gängigen Theorien vorstellen, um dann mit der These zu enden, die mich persönlich überzeugt. Also los geht’s.

 

Verhaltenspsychologen meinen, dass Homosexualität im Jugendalter erlernt wird – beispielsweise durch Verführung oder andere Arten der Einübung homoerotischen Verhaltens. Doch Forscher wiesen in letzter Zeit nach, dass diese Erfahrungen in der Jugend nicht zwingend zur Homosexualität führen. Angesichts der Anzahl der mir bekannten Fälle von jugendlichen Mädchen, die das Küssen mit Geschlechtsgenossinnen erlernt haben und die jetzt völlig “normal” sind, wage ich auch, diese These stark zu bezweifeln.

 

Was sagen andere? Fast alle Psychologen und Psychiater, die einer der psychoanalytischen Schulen nahestehen, machen die sogenannten ödipalen Phänomene für das Entstehen der sexuellen Orientierung verantwortlich. Homosexualität sei primär eine in früher Kindheit erworbene Eigenschaft, die beispielsweise durch eine bestimmte elterliche Konstellation der Art “dominierende, überfürsorgliche Mutter – schwacher, unzureichender Vater” hervorgerufen werde. Nach der Lehre Freuds durchläuft jedes Kind vom zweiten Lebensjahr an die sogenannte ödipale Phase. Dabei verursachen das sexuelle Verlangen nach der Mutter und die dadurch entstehende hassvolle Eifersucht auf den Vater dem Jungen Furcht und Schuldgefühle, die er nur durch eine Art innerer Kapitulation zu überwinden vermag (Mädchen erleben ein ähnliches Schicksal mit umgekehrtem Vorzeichen, das man Elektra-Komplex nennt). Im Normalfall opfert der Junge seine unerfüllbaren Wünsche nach Sex mit der Mutter, akzeptiert die väterliche Autorität und identifiziert sich mit ihr. Wenn die Möglichkeit zu solcher Identifikation mit dem Vater fehlt, könnten sich Jungen nicht von der übermächtig gewordenen Mutter lösen. Doch auch diese These ist auf Grund von unzähligen Gegenbeispielen recht umstritten. Auch dieser Kritik kann ich nur zustimmen. Freud denkt und sagt zwar “Alles ist Sex”. Doch nach Freud kam ein Einstein und sagte “Alles ist relativ”.

 

Und nun zum krönenden Schluss: Nach der Theorie der Endokrinologen bestimmt der Hormonspiegel im Mutterleib schon während der Entwicklung des Fötus Triebrichtung und Triebstärke des Menschen. Für die These, Homosexualität sei angeboren, spricht auch der Umstand, dass der Hang zum eigenen Geschlecht seit Menschengedenken in allen Völkern und Kulturen bekannt ist und dass der Anteil der Homosexuellen in menschlichen Populationen mit ungefähr fünf Prozent immer etwa gleich groß war. Beim Fötus steht das chromosomale Geschlecht fest, aber die Genitalien sind noch undifferenziert. Die Geschlechtsrolle, die Geschlechtsidentität und die sexuelle Orientierung sind auch noch nicht geprägt. All diese Merkmale sind im Gehirn angesiedelt. Das Gehirn ist, ähnlich den Geschlechtsorganen, zunächst auch geschlechtsindifferent angelegt. Es wird geschlechtstypisch durch Hormoneinflüsse während der Entwicklung des Fötus im Mutterleib differenziert. Man spricht hier von der Androgenisierung des Gehirns, denn in dieser Phase der Entwicklung haben ausschließlich die männlichen Hormone, die Androgene, eine Bedeutung. Androgene führen zu einer Maskulinisierung des Gehirns, das Fehlen von Androgenen zu einer Feminisierung. Dies ist ganz ähnlich bei der Entwicklung der Genitalien, auch hier bedeutet das Vorhandensein von Testosteron die Entwicklung in Richtung “männlich”, das Fehlen bedeutet eine Entwicklung in Richtung “weiblich”.

 

Im Einzelnen läuft das so: In der 9. – 18. Woche nach der Zeugung bilden die Jungen unter dem Einfluss des eigenen Testosterons männliche Geschlechtsorgane aus, das äußere Erscheinungsbild wird also männlich. Störungen in dieser Entwicklungsstufe führen zu Fehlbildungen der Geschlechtsorgane. Ab der 10. Woche nach der Zeugung bedarf es wiederum eines hochsensiblen Androgencocktails um dem nun männlichen äußeren Erscheinungsbild die entsprechende Psyche zu verpassen. Testosteron prägt nun die Entwicklung des fötalen Gehirns in Richtung “männlich”. Auch hier gibt es “Störungen”, die Ergebnisse sind dann: “Störungen” der sexuellen Identität (Transsexualität), der sexuellen Orientierung (Homosexualität) oder der Geschlechtsrolle. Es ist also ein Hormoncocktail, dessen Zusammensetzung über die weitere sexuelle Entwicklung des Fötus entscheidet, völlig unabhängig von der Entwicklung der Genitalien. Die Entwicklung des psychosozialen Geschlechts ist daher ein eigener Entwicklungsschritt. Bei homosexuellen Männern wurden tatsächlich Gehirnstrukturen ausfindig gemacht, die weitgehend denen heterosexueller Frauen entsprechen und bei homosexuellen Frauen Hirnstrukturen, die denen heterosexueller Männer ähneln. Auch wurde nachgewiesen, dass die pränatale Veränderung der Sexualhormonspiegel während der geschlechtsspezifischen Gehirndifferenzierung auch auf genetischen Polymorphismen, das heißt auf Sequenzvariabilitäten der DNA beruhen kann. Derartige Polymorphismen bewirken eine spezifische Individualentwicklung von uns allen.

 

Homosexualität ist somit eine natürliche Sexualvariante ohne Krankheitswert.

WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

Verfasst von: soniato85 Am: Januar 7, 2010

Ich bin eine Feministin und war es wohl immer. Oft genug wurde ich deswegen angesprochen und noch öfter ergaben sich Missverständnisse. Ich möchte glauben, dass diese aus Zeitmangel entstanden sind – in dem Sinne, dass ich keine Zeit hatte, meine Ideen auszuführen. Diesen Mangel möchte ich heute beseitigen.

 

Die feministische Debatte beginnt meist mit einem Argument der Art, dass Frauen beispielsweise in technischen Berufen unterrepräsentiert sind. Was sagt uns das? Meiner Meinung nach recht wenig – vor allem wenn es das einzige Argument in diesem Kontext ist. Natürlich sollten alle wissen, was man den frühen Vertreterinnen der Frauenbewegung zu verdanken hat und dies auch entsprechend würdigen. Dennoch, die Angleichung des Frauen- und Männeranteils in allen Bereichen zu erzwingen ist gleichwertig mit dem Postulat, dass es nur ein einziges Lebensmodell gibt, nur einen Weg, glücklich zu sein. Dies mag für einige, vielleicht sogar für viele Frauen und Männer zutreffen. Und ich möchte auch nicht behaupten, dass diese blind einem Modell folgen, mit dem sie sich eigentlich nicht identifizieren. Doch wenn dies nicht eintrifft, so muss der Grund nicht unbedingt Diskriminierung sein.

 

Oft vermutet man, dass der Wohlstand eines Landes für die Emanzipation der Frauen relevant ist (wenn nicht gar ausschlaggebend). Dies kann man in der Tat am Beispiel vieler Länder beobachten. Doch sogenannte reiche Länder zeigen uns auch etwas anderes. Da ergreifen viele Frauen bewusst nach wie vor sehr soziale Berufe, obwohl ihnen sozusagen die ganze Welt offen steht. Vielleicht schafft aber gerade dieser Wohlstand die Voraussetzung und die Freiheit dazu, den eigenen Weg zu gehen, im gewünschten Beruf aufzugehen und die ganz persönlichen Stärken auszuleben. Und vielleicht bedeutet Emanzipation etwas anderes. Dies ist zumindest das, was ich glaube.

 

Frauen sind keine ethnischen, politischen, kulturellen oder sexuellen Minderheiten und es gibt keinen Grund, derart zu agieren, Minderheitenrechte zu fordern, Vergleiche zu anderen Minderheiten aufzustellen oder dergleichen. Abgesehen davon, dass dies schlicht falsch ist, ist es, denke ich, auch kontraproduktiv und führt nur zur Entkräftung der Argumente und der Position der Frauen. Dies sollte kein Kampf für Egalitarismus sein, sondern für Entscheidungsfreiheit und Chancengleichheit. Ein Kampf dafür, dass sich Frauen stets bilden und informieren können. Ich glaube es heißt Folgendes: Wenn frau sich mit gängigen Ambitionen identifiziert – gut, go for it und unterstützen wir diese Frauen so gut wir können. Wenn dem jedoch nicht so ist, so ist das, so lange das eine bewusste Entscheidung ist, kein Weltuntergang und eigentlich um nichts schlimmer, denn jeder Beruf hat auch seine Nachteile, die nicht von allen gleich gewichtet werden. Es heißt nur, dass man darum kämpfen muss, dass alternative Lebensmodelle auch gewürdigt werden und kein einziges für absolut gehalten oder als solches gefeiert wird.

WIR WAREN HELDEN

Verfasst von: soniato85 Am: Dezember 10, 2009

Nachdem ich nun schon tagelang von diversen Individuen als “dreckige Kommunistin” oder dergleichen beschimpft worden bin, möchte ich doch ein paar Anmerkungen dazu loswerden.

Der Grund für die Beleidigungen war natürlich, dass ich gegen den amtierenden Präsidenten gestimmt habe, gegen den liberal angestrichenen ehemaligen Securitate-Offizier Traian Basescu. Das hat einige meiner Kritiker auch noch zur Schlussfolgerung geführt, dass ich nicht nur eine “dreckige Kommunistin” wäre, sondern eine gefährliche noch dazu, weil äußerst dumm. All die Jahre meines Wirtschaftsstudiums hätten mir rein gar nichts gebracht, denn ein anständiger Ökonom stimmt wohl für einen Liberalen und niemalsniemalsniemals für einen Sozialdemokraten. Weil letzterer naturgemäß ein “dreckiger Kommunist” ist.

Abgesehen von der Tatsache, dass die meisten dieser Leute bis vor ein paar Wochen keinen blassen Schimmer davon hatten, was die politische Rechte oder Linke bedeutet und ich mich ernsthaft frage, wie sie quasi über Nacht zu solch fundierten Ansichten gelangt sind, bieten diese Äußerungen eine Gelegenheit zu gewissen Überlegungen. Interessant ist für mich beispielsweise Folgendes: die, die nach eigener Aussage gegen die entsetzliche und imminente totalitäre Bedrohung gestimmt haben, versuchen gleichzeitig nach obigem Muster jegliche abweichende Meinung zu zensieren. Es wäre einfach nur noch lächerlich, wenn es nicht zum Heulen wäre.

Lassen Sie uns aber auf der Zeitachse dorthin zurückwandern, wo die meisten Wähler mit ihren Gedanken waren. Anstatt 1-5 Jahre zurück (in denen man die Leistungen des amtierenden Präsidenten hätte beurteilen können), haben die meisten gemeint, dass viel weiter zurückliegende Ereignisse eine viel bessere Prognose für die Zukunft wären. Versetzen wir uns also 20 Jahre zurück.

Rumänien 1989, revolutionäre Verhältnisse. Es ist eine Revolution, die oft relativiert wurde und wird. A fost sau n-a fost, gab es überhaupt eine Revolution oder war es ein Staatsstreich? War es das rumänische Volk oder war etwa die CIA oder der KGB am Werke? Es herrscht also ein ziemlich diffuses Bild über diese Revolution.

Und damit werden auch die Heldentaten der Rumänen in Frage gestellt. Doch dem sollte nun ein Ende bereitet werden. Nachdem man in Rumänien begonnen hat, den Hunger im wortwörtlichen Sinne zu stillen, sollten nun auch die “höheren” Bedürfnisse gestillt werden („Wir wollen Helden sein, klar?“). Die Maslowsche Bedürfnispyramide passt in diesem Falle zu Rumänien wie die Faust aufs Auge. Was muss das doch für eine Wollust sein, ein (spendiertes) Bier zu trinken, einen Stempel aufzusetzen und sich dabei noch als Held vorzukommen?! Da kann man noch dazu so richtig seinem Hass gegen die Kommunisten freien Lauf lassen. Man weiß zwar nicht richtig, was es mit dem Kommunismus auf sich hat, denn Vergangenheitsbewältigung ist ein Fremdwort in Rumänien, aber was soll’s… Wen kümmert’s, dass wir hier über die Zukunft des Landes entscheiden? “Kämpfer gegen den Kommunismus” klingt einfach zu geil!

Beachtlich. Einfach beachtlich wie darauf spekuliert wurde, wie man gerade die behauptungswillige Jugend geködert und zur rettenden Kavallerie gemacht hat. Mit dem Versprechen der anschließenden Auszeichnung als “Widerstandskämpfer gegen den Kommunismus”. Geradezu religiös in der Methodik, mit zukünftigen Belohnungen für jetzige gute Taten zu arbeiten. Einfach nur fabelhaft.

Auf diesem Wege möchte ich also allen danken, die uns von der kommunistischen Bedrohung unter Basescus Glatze gerettet haben. Allen Helden Rumäniens, die Mangelware sind wenn man sie braucht, und sonst im Sonderangebot. Unschlagbar billig.

LAND DER VERGANGENHEIT

Verfasst von: soniato85 Am: Dezember 8, 2009

Rumänien war und ist der Inbegriff der gestrigen Welt. Das ist, was wir über uns selbst denken und dieses Denken ist der Grund, warum es dabei bleiben wird. Die Wiederwahl von Traian Basescu als Präsident meines Landes hat mich zutiefst erschüttert und kann aus meiner Sicht nur mit dem Wort „Schande“ umschrieben werden. Sie hat mich dermaßen erschüttert, dass ich mich mit diesem Land kaum noch identifizieren kann und will. Denn ich möchte nicht in der Vergangenheit leben.

 

Anstatt eine Perspektive darauf zu werfen, wohin man gehen möchte, kultiviert man in Rumänien die Vergangenheit. Es ist die einzige Dimension, in der wir uns bewegen und das einzige Argument, das zählt. Mit Ereignissen, die längst vergangen sind, lässt sich das heutige Rumänien immer noch abschrecken. Es reicht vollkommen, mit erhobenem Zeigefinger das Wort „Kommunismus“ oder „Iliescu“ in den Mund zu nehmen, schon hat man mindestens die Hälfte einer hysterischen Bevölkerung auf seiner Seite, unabhängig davon, ob es eine kommunistische Bedrohung wirklich gibt oder diese vollkommen abstrus ist. Diese rein semantische Reaktion der Rumänen hat dem machtgierigen Basescu zu einem erneuten Sieg verholfen und sehr viel zum jetzigen Unheil beigetragen. Doch auch mit der jüngsten Vergangenheit lässt sich in Rumänien gut arbeiten. Nicht mal die von der Zukunft versprochene Mittelmäßigkeit der Regierung und des Lebensniveaus kann die jüngste Vergangenheit schlagen, egal wie schlimm letztere war. Denn wir haben uns mit ihr arrangiert. Und damit mit der Stagnation.

 

Die Ereignisse der Vergangenheit werden stilisiert und – je nachdem wie weit sie zurückliegen – als Waffe gezückt (wenn man sich angegriffen fühlen will) oder als sicherer Spatz in der Hand inszeniert. Beide Methoden zeigen Wirkung, denn es handelt sich um ein schizophrenes Volk, das irgendeine Zukunft will – Hauptsache in Form einer dogmatischen und unbeugsamen Verneinung der Vergangenheit – und gleichzeitig gar keine Zukunft, sondern auf immer und ewig das bekannte Vergangene, da der Trugschluss herrscht, dass Bekanntes zu keinen bösen Überraschungen führen kann. Der Maßstab ist und bleibt also die Vergangenheit.

 

Ich habe keine Lust mehr auf dieses Spielchen. Es zeugt von einer immensen Verantwortungslosigkeit, die an Masochismus grenzt. Ich bin nicht mehr bereit, da mitzumachen. Spottet über euch selbst, über eure eigenen Kinder und Kindeskinder, aber nicht mehr über mich und meine!

 

Schande über Rumänien!

UMBRUCHSDEZEMBER

Verfasst von: soniato85 Am: Dezember 3, 2009

Es geht nicht mehr weiter,

Der Weg ist für euch versperrt.

Es ist kalt

Und wir sehen, wie sehr die Kälte an euch zerrt.

Sie zerrt an euch und euren Waffen.

An euren Zähnen,

Die immer weiter auseinander klaffen

Wenn ihr zum Schlag ansetzt.

Und auch heute wird das Messer gewetzt.

Und nachher sät ihr in den Wind,

Dass wir alle Brüder sind.

Doch er riecht, dass dem nie so war

Und trägt eure Worte fort

An jenen Ort,

Wo eure Mutter die Lüge eures Lebens gebar.

Weg vom Ort,

An dem wir seit langem sangen:

Ihr seid vereist, ihr seid vergangen.

IM SCHLAF

Verfasst von: soniato85 Am: November 20, 2009

Eben bin ich aufgewacht,

Noch von seiner Stimme zugedeckt.

Ich schlucke und ich weiß,

In dieser Nacht habe ich den Tod geschmeckt.

Was wusste ich eben vorhin von den Meinen?

Nichts,

Ich schlief, kannte und liebte keinen.

Ich lag im Bett, er lag daneben.

Doch im Schlaf

Fühlte ich weder Glück, noch Beben.

Wer wusste vorhin eben

Noch von meinem Leben

Oder dass Engel schon ihr Netz um mich weben?

Niemand.

Niemand hörte mein Blut triefen,

Niemand mehr, denn sie alle schliefen.

WENN

Verfasst von: soniato85 Am: November 18, 2009

Wie nah kannst Du mir sein,

Wenn uns Zeit und Spannen trennen

Und Du einfach nicht zurück rennen kannst?

Wie fern kannst Du mir sein,

Wenn ich hinter verschlossenen Türen

Immer noch Deinen Blick verspüren kann?

Wirst Du immer noch derselbe sein,

Wenn meine durstigen Gedanken Dich finden

Und sich um Dich winden werden?

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