Balkanbar

WIR WAREN HELDEN, KLAR?

Verfasst von: soniato85 in: Dezember 10, 2009

Nachdem ich nun schon tagelang von diversen Individuen als “dreckige Kommunistin” oder dergleichen beschimpft worden bin, möchte ich doch ein paar Anmerkungen dazu loswerden.

 

Der Grund für die Beleidigungen war natürlich, dass ich gegen den amtierenden Präsidenten gestimmt habe, gegen den liberal angestrichenen ehemaligen Securitate-Offizier Traian Basescu. Das hat einige meiner Kritiker auch noch zur Schlussfolgerung geführt, dass ich nicht nur eine “dreckige Kommunistin” wäre, sondern eine gefährliche noch dazu, weil äußerst dumm. All die Jahre meines Wirtschaftsstudiums hätten mir rein gar nichts gebracht, denn ein anständiger Ökonom stimmt wohl für einen Liberalen und niemalsniemalsniemals für einen Sozialdemokraten. Weil letzterer naturgemäß ein “dreckiger Kommunist” ist.

 

Abgesehen von der Tatsache, dass die meisten dieser Leute bis vor ein paar Wochen keinen blassen Schimmer davon hatten, was die politische Rechte oder Linke bedeutet und ich mich ernsthaft frage, wie sie quasi über Nacht zu solch fundierten Ansichten gelangt sind, bieten diese Äußerungen eine Gelegenheit zu gewissen Überlegungen. Interessant ist für mich beispielsweise Folgendes: die, die nach eigener Aussage gegen die entsetzliche und imminente totalitäre Bedrohung gestimmt haben, versuchen gleichzeitig nach obigem Muster jegliche abweichende Meinung zu zensieren. Es wäre einfach nur noch lächerlich, wenn es nicht zum Heulen wäre.

 

Lassen Sie uns aber auf der Zeitachse dorthin zurückwandern, wo die meisten Wähler mit ihren Gedanken waren. Anstatt 1-5 Jahre zurück (in denen man die Leistungen des amtierenden Präsidenten hätte beurteilen können), haben die meisten gemeint, dass viel weiter zurückliegende Ereignisse eine viel bessere Prognose für die Zukunft wären. Versetzen wir uns also 20 Jahre zurück.

 

Rumänien 1989, revolutionäre Verhältnisse. Es ist eine Revolution, die oft relativiert wurde und wird. A fost sau n-a fost, gab es überhaupt eine Revolution oder war es ein Staatsstreich? War es das rumänische Volk oder war etwa die CIA oder der KGB am Werke? Es herrscht also ein ziemlich diffuses Bild über diese Revolution.

 

Und damit werden auch die Heldentaten der Rumänen in Frage gestellt. Doch dem sollte nun ein Ende bereitet werden. Nachdem man in Rumänien begonnen hat, den Hunger im wortwörtlichen Sinne zu stillen, sollten nun auch die “höheren” Bedürfnisse gestillt werden („Wir wollen Helden sein, klar?“). Die Maslowsche Bedürfnispyramide passt in diesem Falle zu Rumänien wie die Faust aufs Auge. Was muss das doch für eine Wollust sein, ein (spendiertes) Bier zu trinken, einen Stempel aufzusetzen und sich dabei noch als Held vorzukommen?! Da kann man noch dazu so richtig seinem Hass gegen die Kommunisten freien Lauf lassen. Man weiß zwar nicht richtig, was es mit dem Kommunismus auf sich hat, denn Vergangenheitsbewältigung ist ein Fremdwort in Rumänien, aber was soll’s… Wen kümmert’s, dass wir hier über die Zukunft des Landes entscheiden? “Kämpfer gegen den Kommunismus” klingt einfach zu geil!

 

Beachtlich. Einfach beachtlich wie darauf spekuliert wurde, wie man gerade die behauptungswillige Jugend geködert und zur rettenden Kavallerie gemacht hat. Mit dem Versprechen der anschließenden Auszeichnung als “Widerstandskämpfer gegen den Kommunismus”. Geradezu religiös in der Methodik, mit zukünftigen Belohnungen für jetzige gute Taten zu arbeiten. Einfach nur fabelhaft.

 

Auf diesem Wege möchte ich also allen danken, die uns von der kommunistischen Bedrohung unter Basescus Glatze gerettet haben. Allen Helden Rumäniens, die Mangelware sind wenn man sie braucht, und sonst im Sonderangebot. Unschlagbar billig.

LAND DER VERGANGENHEIT

Verfasst von: soniato85 in: Dezember 8, 2009

Rumänien war und ist der Inbegriff der gestrigen Welt. Das ist, was wir über uns selbst denken und dieses Denken ist der Grund, warum es dabei bleiben wird. Die Wiederwahl von Traian Basescu als Präsident meines Landes hat mich zutiefst erschüttert und kann aus meiner Sicht nur mit dem Wort „Schande“ umschrieben werden. Sie hat mich dermaßen erschüttert, dass ich mich mit diesem Land kaum noch identifizieren kann und will. Denn ich möchte nicht in der Vergangenheit leben.

 

Anstatt eine Perspektive darauf zu werfen, wohin man gehen möchte, kultiviert man in Rumänien die Vergangenheit. Es ist die einzige Dimension, in der wir uns bewegen und das einzige Argument, das zählt. Mit Ereignissen, die längst vergangen sind, lässt sich das heutige Rumänien immer noch abschrecken. Es reicht vollkommen, mit erhobenem Zeigefinger das Wort „Kommunismus“ oder „Iliescu“ in den Mund zu nehmen, schon hat man mindestens die Hälfte einer hysterischen Bevölkerung auf seiner Seite, unabhängig davon, ob es eine kommunistische Bedrohung wirklich gibt oder diese vollkommen abstrus ist. Diese rein semantische Reaktion der Rumänen hat dem machtgierigen Basescu zu einem erneuten Sieg verholfen und sehr viel zum jetzigen Unheil beigetragen. Doch auch mit der jüngsten Vergangenheit lässt sich in Rumänien gut arbeiten. Nicht mal die von der Zukunft versprochene Mittelmäßigkeit der Regierung und des Lebensniveaus kann die jüngste Vergangenheit schlagen, egal wie schlimm letztere war. Denn wir haben uns mit ihr arrangiert. Und damit mit der Stagnation.

 

Die Ereignisse der Vergangenheit werden stilisiert und – je nachdem wie weit sie zurückliegen – als Waffe gezückt (wenn man sich angegriffen fühlen will) oder als sicherer Spatz in der Hand inszeniert. Beide Methoden zeigen Wirkung, denn es handelt sich um ein schizophrenes Volk, das irgendeine Zukunft will – Hauptsache in Form einer dogmatischen und unbeugsamen Verneinung der Vergangenheit – und gleichzeitig gar keine Zukunft, sondern auf immer und ewig das bekannte Vergangene, da der Trugschluss herrscht, dass Bekanntes zu keinen bösen Überraschungen führen kann. Der Maßstab ist und bleibt also die Vergangenheit.

 

Ich habe keine Lust mehr auf dieses Spielchen. Es zeugt von einer immensen Verantwortungslosigkeit, die an Masochismus grenzt. Ich bin nicht mehr bereit, da mitzumachen. Spottet über euch selbst, über eure eigenen Kinder und Kindeskinder, aber nicht mehr über mich und meine!

 

Schande über Rumänien!

UMBRUCHSDEZEMBER

Verfasst von: soniato85 in: Dezember 3, 2009

Es geht nicht mehr weiter,

Der Weg ist für euch versperrt.

Es ist kalt

Und wir sehen, wie sehr die Kälte an euch zerrt.

Sie zerrt an euch und euren Waffen.

An euren Zähnen,

Die immer weiter auseinander klaffen

Wenn ihr zum Schlag ansetzt.

Und auch heute wird das Messer gewetzt.

Und nachher sät ihr in den Wind,

Dass wir alle Brüder sind.

Doch er riecht, dass dem nie so war

Und trägt eure Worte fort

An jenen Ort,

Wo eure Mutter die Lüge eures Lebens gebar.

Weg vom Ort,

An dem wir seit langem sangen:

Ihr seid vereist, ihr seid vergangen.

IM SCHLAF

Verfasst von: soniato85 in: November 20, 2009

Eben bin ich aufgewacht,

Noch von seiner Stimme zugedeckt.

Ich schlucke und ich weiß,

In dieser Nacht habe ich den Tod geschmeckt.

Was wusste ich eben vorhin von den Meinen?

Nichts,

Ich schlief, kannte und liebte keinen.

Ich lag im Bett, er lag daneben.

Doch im Schlaf

Fühlte ich weder Glück, noch Beben.

Wer wusste vorhin eben

Noch von meinem Leben

Oder dass Engel schon ihr Netz um mich weben?

Niemand.

Niemand hörte mein Blut triefen,

Niemand mehr, denn sie alle schliefen.

WENN

Verfasst von: soniato85 in: November 18, 2009

Wie nah kannst Du mir sein,

Wenn uns Zeit und Spannen trennen

Und Du einfach nicht zurück rennen kannst?

Wie fern kannst Du mir sein,

Wenn ich hinter verschlossenen Türen

Immer noch Deinen Blick verspüren kann?

Wirst Du immer noch derselbe sein,

Wenn meine durstigen Gedanken Dich finden

Und sich um Dich winden werden?

SAGE ICH, DIE ICH BIN

Verfasst von: soniato85 in: November 8, 2009

Ich bin besorgt,

Sagt der Verstand, der ich bin.

Ich nicht, denn ich bin unsterblich,

Sagt die Seele, die ich bin.

Nicht den Tod fürchte ich, aber Schmerz,

Sagt der Körper, der ich bin.

Nicht Schmerz, jedoch Leiden,

Sagt das Herz, das ich bin.

Es lässt sich schwer vermeiden,

Sagt die Liebende, die ich bin.

Lindere es mit Mitteln,

Sagt das Abendland, das ich bin.

Mach Dein Lied daraus,

Sagt der Balkan, der ich bin.

Ich will einen anderen See sehen,

Sagt der Vogel, der ich bin.

Ich will in Stille vergehen,

Sagt die Schwermut, die ich bin.

Ich möchte bauen,

Sagt die Kraft, die ich bin.

Und ich möchte an der Hand geführt werden,

Sagt das Kind, das ich bin.

Ich möchte gehört werden,

Sagt der Mensch, der ich bin.

Ich möchte gefühlt werden,

Sagt die Frau, die ich bin.

Ich möchte vergessen können,

Sagt das Gedächtnis, das ich bin.

Ich will Antworten finden,

Sagt die Suchende, die ich bin.

Was ich möchte,

Fragt mich die Vergeblichkeit.

Ich möchte wachsen,

Sage ich, die ich bin.

LAUDATIO AUF BEHAVIORAL ECONOMICS

Verfasst von: soniato85 in: Juli 13, 2009

Seit dem ich Wirtschaftswisschenschaften studiere, haben mich die ökonomischen Modelle gestört. Dies kann sehr frustrierend sein, denn Ökonomen arbeiten sehr gerne mit Modellen. Doch mit ihrem homo oeconomicus konnte ich mich einfach nie anfreunden. In der klassischen Wirtschaftstheorie wird der Mensch nämlich als egoistischer Profitmaximierer und Kostenminimierer modelliert. Profit und Kosten sollen also das Einzige sein, worum wir uns als Menschen scheren. Und dann ist die Verwunderung groß, wenn die Prognosen, die durch diese Modelle entstehen, scheitern. Sicherlich muss ein Modell Vereinfachungen treffen; doch in diesem Falle wird meines Erachtens nicht das Wesen des Menschen erfasst, dessen ökonomische Entscheidungsfindung ergründet werden soll.

Egoistisch sind wir zwar, zum Teil sogar sehr, aber eben nur zum Teil. Denn wir sind oft auch bereit, auf Geld zu verzichten, um anderen zu helfen oder um andere zu bestrafen. Doch Aspekte wie Altruismus, Neid oder Gier werden von der klassischen Ökonomie gänzlich ignoriert.

 

Die Modellierung des Menschen in der Verhaltensökonomik ist näher an der Realität – zumindest meiner Meinung und Erfahrung nach. Und was als Modell näher an der Realität ist, kann auch mit höherer Wahrscheinlichkeit Lösungen für reale Probleme bieten. Ich möchte nicht Wissenschaft um ihrer selbst willen betreiben, sondern Wissenschaft um der Menschen willen, ich möchte helfen und etwas bewegen können und nicht mich darüber wundern, dass meine Prognose so kläglich scheitern.

FREIHEIT, MODELL 89

Verfasst von: soniato85 in: Mai 25, 2009

Es ist sehr leicht als Streber bezeichnet zu werden, wenn die Schule von Kneipen umgeben ist. Ist man als Schüler in keiner von ihnen, so ist das Urteil schnell gefällt. Etwas zu oft hatte mich die Schule mehr interessiert, etwas zu selten hatte ich genug Geld für die Kneipen und so kam ich auch in den Genuss dieses exklusiven Rufs. Andrei schien damals keine andere Meinung von mir zu haben, daher war meine Überraschung recht groß, als er mich jetzt nach Jahren so freundlich ansprach.

Er hatte mich in der neu eröffneten Mall der Stadt erblickt, einem riesigen Einkaufszentrum. Eine meiner Freundinnen hatte mir fasziniert davon erzählt. Dass man darin sogar leben könnte. Das heißt, ohne es je zu verlassen. Denn dort gäbe es Fitness-Studios und Ärzte, Bäckereien und Restaurants, einfach alles. Das sei endlich echte Freiheit. Ich erinnere mich unwillkürlich an eine Episode, als ich meinem Vater begeistert mein neues Handy zeigte und alle Funktionen beschrieb. Und vor allem erinnere ich mich an seine Frage, ob das Handy auch eine Waschmaschine hätte. Ich muss schmunzeln. Im Eifer des Erzählens hatte ich weder die Ironie aus der Frage meines Vaters, noch groß etwas anderes wahrgenommen, so euphorisch war ich. So wie meine Freundin jetzt.

Aber die Neugier hat das Erzählte natürlich schon geweckt. So schlendere ich also hin, zum Einkaufsparadies. Mein Weg führt mich an ein Gefängnis vorbei und ich denke mir, dass viele der Leute da drin nicht die Wende erlebt haben. Für sie macht es keinen Unterschied, ob es da draußen Freiheit gibt oder nicht. Für die Leute draußen schon. Doch auch ihnen entzieht sie sich manchmal, die Freiheit. So wie eine Dame sich ziert, wenn sie die Umgangsformen des Herrn nicht schätzt. Doch wer einem nach 50 Jahren Kommunismus in Rumänien den richtigen Umgang mit der Freiheit beibringen könnte, das weiß ich nicht.

Schließlich komme ich an. Und stelle fest, dass die Mall gar kein Einkaufsparadies ist. Die Preise machen sie eher zu einem Museum. Ein Museum, das früher oder später müde macht. Irgendwann zwingt mich mein niedriger Blutdruck in ein Café der Mall. Es gibt nicht viel zu überlegen, denn es ist nur noch ein einziger Tisch frei und ich bin dankbar dafür. So wie ich jetzt für jede Entscheidung dankbar bin, die ich nicht mehr treffen muss. Ich habe keine Lust, die Spezialitäten des Hauses zu probieren und bestelle wie immer einen Espresso. Die Bedienung ist die Schwester einer anderen guten Freundin, so dass die Bestellung bereits durch ein Nicken meinerseits auf den fragenden Blick ihrerseits erfolgreich abgeschlossen ist. Nach einer Weile gesellt sich ein junger Mann zu mir. Er grüßt freundlich und schaut mich forschend an. Ich erkenne ihn nicht. Er kann zwar Rumänisch, aber man hört einen starken amerikanischen Akzent wenn er spricht. Schließlich entsinne ich mich. Es ist Andrei, ein ehemaliger Mitschüler von mir. Er ist noch vor der Wende mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert.

Er schlägt vor, dass wir auf das Wiedersehen etwas trinken. Ich willige ein und wir entscheiden uns für einen Caipirinha. Soll erfrischend sein. Und das ist er auch. Am Nachbartisch sitzt eine junge Dame. Mein Vater würde sagen, dass das keine Dame, sondern eine Bettlerin ist. Ich würde ihm antworten, dass das keine Bettlerin ist, sondern eine Person, die sich alternativ kleidet. Würde für ihn aber immer noch nicht wie eine Dame aussehen. Ich würde dann die Freiheit ansprechen. Und er würde mich nicht verstehen.

Ich hab keine Ahnung, worüber ich mich mit Andrei unterhalten soll. Denn seit dem wir uns nicht mehr gesehen haben, ist vieles passiert und noch mehr hat sich geändert. Ich weiß nicht, wo ich mit dem Erzählen anfangen soll und auch nicht, ob es nötig ist. Andrei hingegen ist sehr gesprächig. Doch irgendwann stelle ich auch eine Frage. Was seinen Eltern gefehlt hätte, warum sie damals ausgewandert seien. Für Freiheit natürlich. Meinungsfreiheit wohl. Nein, Freiheit sei genau das hier. Diese Mall, das hätte ihnen gefehlt. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Außerdem füllt sich der Raum allmählich und es wird lauter. Man kann sich nicht mehr so gut unterhalten. Wir stehen auf und gehen. Andrei verabschiedet sich mit einem Versprechen, das ich ihm nicht abverlangt habe. Er wird ab jetzt Rumänien öfters besuchen. Man arbeitet schon an den neuen Malls, so dass sie in Kürze das Stadtbild stark mitprägen werden. Die will er sich anschauen, darin flanieren und einkaufen.

Ich begebe mich auf den Weg zum Bus. Ich muss nicht lange warten, da kommt schon der, den ich brauche. Ich schreite durch den Bus um zu einem freien Platz zu gelangen, der sich ganz am Ende befindet. Dabei kann ich Zeitung lesen. Eine ganze Zeitung. Denn der erste Fahrgast hat sie auf der zweiten Seite aufgeschlagen, der andere auf der dritten, ein anderer wieder auf der sechsten. Meine Reise durch den Bus ist zugleich die Lektüre der Libertatea, der beliebtesten Zeitung Rumäniens. Im modernen Rumänien werden Jeans und Lederjacken getragen. Und die Libertatea, die Freiheit, wird getragen in Rumänien. Zusammengerollt unter dem Arm. Und nachdem man die spannenden Seiten gelesen hat, landet die Freiheit im Müll. Und die Zukunft muss weiterhin warten.

ZU NICOLETA UND ZURÜCK

Verfasst von: soniato85 in: Februar 10, 2009

Es ist das erste Weihnachten, an das ich mich erinnere. Vielleicht deshalb, weil es draußen besonders laut war. Nein, weil es besonders dunkel war. Und auch im Haus war es dunkel. Eigentlich ist es das dunkelste Weihnachten meiner Erinnerungen. Obwohl wir Heiligabend haben, befiehlt mir meine Mutter, gleich nach dem hastigen Schmücken des Baums das Licht auszuschalten. Spätestens jetzt beginne ich das Ganze komisch zu finden. Sie sagt es sei gefährlich das Licht anzulassen. Denn es wird geschossen. Und man kann getroffen werden und sterben. Deshalb schlafen wir wohl auch alle auf dem kalten Boden. Auch das soll irgendwie Schutz bieten. Denn es wird geschossen. Und man kann getroffen werden und sterben. Wir haben Heiligabend 1989 in Rumänien. Draußen auf den Straßen herrscht das allgemeine Chaos einer Revolution, die schon am nächsten Tag, am ersten Weihnachtstag, mit der Erschießung der Ceauşescus vorbei sein sollte. Und dann zelebrieren Radio und TV das freie Rumänien. Und verkünden Sicherheit.

Meine Mutter will mich zu einem Spaziergang überreden und auch sie versichert mir, dass mir nichts mehr geschehen kann. Alles ist vorbei, niemand schießt mehr. Ich hingegen versichere ihr, dass mich keine zehn Pferde aus dem Haus kriegen. Und ich halte mich tatsächlich an mein Versprechen. Monatelang. Wir haben schon Frühjahr und auch meine Mutter scheint sich damit abgefunden zu haben. Sie besteht nicht mehr darauf, dass ich in den Kindergarten gehe. Meine Oma beginnt die Rolle der Erzieherin einzunehmen, sie spielt mit mir und bringt mir die Zahlen bei und auch ich rechne damit, nie mehr aus dem Haus zu müssen. Doch plötzlich beginnt meine Mutter von exotischen Früchten zu sprechen, von Süßigkeiten, Spielzeug und von Büchern. Bunten Büchern, Bilderbüchern. Und spricht so lange davon, bis sie es geschafft hat: Selbst wenn sie noch schießen – ich will raus und unbedingt da hin, ich will das gesehen, geschmeckt und erlebt haben! Aber nur zu Nicoleta und zurück. Meine Mutter willigt ein.

Unser Weg führt uns an eine Kirche vorbei. Ich will ein Kreuz schlagen und erinnere mich, dass ich das öffentlich nicht machen soll. Meine Familie sagt, dass ich ihnen damit Probleme bereiten könnte. Obwohl alles vorbei ist, höre ich immer noch dieselben Bemerkungen. So zeichne ich also das Kreuz nach, so wie ich es gelernt habe. Mit der Zunge auf meine Gaumenfläche. Es gibt eben zu allem auch eine kommunistische Variante. Selbst zum Kreuzschlagen. Ich soll auch niemandem etwas erzählen oder berichten, geschweige denn unsere Destination. Es sei gefährlich, auch damit könnte ich meiner Familie Probleme bereiten. Aber das ist heute kein Thema, ich könnte sowieso nicht sprechen. Denn vor lauter Aufregung spüre ich meinen Herzschlag im Hals. Und ein Herz im Hals kann das Reden manchmal doch sehr erschweren.

Schließlich erreichen wir Nicoletas Haus, es ist eine alte Villa. Sie hat einmal einer einzigen Familie gehört. Aber die Kommunisten fanden das verschwenderisch. Sie haben Wände kreuz und quer durchs Gebäude gezogen und jetzt wohnen zehn Familien oder so darin. Jede nun in einer etwas größeren Streichholzschachtel. Nicoleta ist eine ehemalige Arbeitskollegin meiner Mutter und eine gute Freundin von ihr. Nun nach der Wende hat sie einen anderen Job gefunden, da sie viele Fremdsprachen spricht. Sie kümmert sich um Hilfspakete aus dem Westen für Kinderheime. Doch Nicoleta spielt nicht so gut den Nikolaus. Denn sie macht ihr kleines persönliches Geschäft aus dem Ganzen, indem sie die Sachen verkauft, anstatt sie an Waisenkinder zu verschenken. Ihre ehemaligen Arbeitskolleginnen, die nun alle Kinder haben, gehören zu ihren treusten Kundinnen.

So betreten wir also die Wohnung und ich weiß nicht, was ich mir zuerst anschauen oder anfassen soll. Immer wieder hebe ich etwas hoch um es meiner Mutter zu zeigen. Sie schaut prüfend und lächelt meist zufrieden und genehmigend. Während ich noch intensiv mit den Sachen beschäftigt bin, trinken Nicoleta und meine Mutter Kaffee und sprechen über vergangene gemeinsame Zeiten. Sie vermissen diese Zeiten. Die neuen Zeiten, die gerade angebrochen sind, scheinen sie nicht allzu sehr zu begeistern. Denn sie vermissen ihre Jugend. Und ihre Jugend, das waren die guten alten Zeiten, egal wie schlecht sie waren. Die Nostalgie nach Kommunismus, das ist doch bei den meisten nichts als die Nostalgie nach der eigenen Jugend. Natürlich habe ich das damals nicht verstanden, damals habe ich kaum etwas verstanden. Auch nicht warum meine Mutter etwas auf den Tisch hinblättert und mich dann ruft, damit wir uns verabschieden und auf den Heimweg begeben.

Zu Hause angekommen empfängt uns wie immer meine Oma. Ich will ihr stolz die Sachen zeigen, insbesondere die Bücher. Doch sie scheint nicht angetan davon zu sein und bittet meine Mutter zum Gespräch. Es war eines der Gespräche, die Kinder mitkriegen – trotz aller Versuche der Eltern, sie davon abzuhalten. Nun höre ich also meine Oma, die nicht einverstanden ist mit den Geschehnissen. Und gleich danach die dezidierte Stimme der Mutter, die von Arbeit spricht, Arbeit für das Kind, Arbeit um dem Kind etwas bieten zu können. Sie spricht von Voraussetzungen, die sie sich für dieses Kind wünscht. Voraussetzungen für eine sorgenfreie Kindheit, Voraussetzungen zum Lernen und für eine Bildung. Sie spricht von Sachzwängen, die sie nicht anders handeln lassen. Die Stimme meiner Oma höre ich jetzt nicht mehr. Nur die eiligen Schritte und das Schluchzen meiner Mutter, die immer lauter werden. Ich laufe erschrocken und verzweifelt weg.

BLUE-JEANS-FREUNDSCHAFT

Verfasst von: soniato85 in: Januar 7, 2009

Auf dem Basar hat es mir nie gefallen. Das habe ich jedenfalls immer behauptet und dabei stets auf das unmögliche Chaos dort verwiesen. Und auch auf die ermüdenden grellen Farben, auf das Stimmengewirr und auf die exotischen Düfte, die nicht jedermanns Sache sind. Doch eigentlich habe ich den Basar immer geliebt. Hätte ich aber damals nie zugegeben. Zu störend war meine pubertäre Figur wenn ich mir Klamotten holen wollte. Mit anderen Worten: Ich war nicht so schlank. Und es war recht schwer, in einem Haufen von unsystematisch aufeinander geschmissenen Jeans die richtige zu finden. Es gab eh wenig davon, da es Importgüter waren, manche rübergeschmuggelt. In Grenzgebieten blüht oft so ein illegaler Handel, besonders wenn nach einem restriktiven Regime die Leute großen Nachholbedarf haben. So auch hier. Bis ich nun also eine passende finden konnte – wenn überhaupt – musste ich mich in einer improvisierten Probekabine ein paar erniedrigenden Fehlversuchen stellen, den Reißverschluss der Jeans zuzukriegen. Heute wär mir das egal, aber damals war eine Jeans einfach mehr wert. Es war das Symbol der begehrten Freiheit oder was man auch immer darunter verstand. Und durchaus im Stande, eine Hysterie auszulösen. Oder eben eine Depression. Wenn sie nicht passte.

Daher war ich sowas von glücklich, als dieses Geschäft da eröffnet wurde. Die Jeans waren der Farbe und der Größe nach sortiert. Ich fand das unglaublich. Nun konnte ich zielgenau auf meine Jeans zugehen. Da gab es nur dieses kleine Problem. Es hatte nur noch eine davon und wir waren zu zweit. Meine gute Freundin E. hatte mich heute in die Stadt begleitet und wir haben gemeinsam dieses Geschäft entdeckt. Ich wundere mich, dass es mir nicht früher aufgefallen ist, dieses Geschäft, das Schauplatz unseres heftigsten Streits werden sollte. Denn wir wollten beide diese Jeans haben. Doch wer von uns sie kriegen sollte, darauf fanden wir damals keine Antwort, so dass wir eingeschnappt das Geschäft verließen und uns in verschiedene Richtungen begaben, damit die andere ja auch ganz klar weiß, was Sache ist.

Wie blöd nur, dass wir Nachbarinnen waren. Nun musste ich also einen Umweg einschlagen, um nach Hause zu kommen. Meine Oma empfängt mich lächelnd und fragt mich, ob ich essen will. Ich sage ihr, dass ich nie wieder essen werde. Weil mir sonst die Basar-Jeans nicht passen. Sie weiß nicht, was sie dazu sagen soll. Schließlich meint sie, dass sie in die Küche geht, um weiterkochen. Wir verstehen uns eben ohne viele Worte. Soll sie nur kochen, ich hab eh keinen Appetit. Ich bin einfach nur wütend und fühle, dass mit dieser Jeans die Welt untergeht. Aus dem Schmoren wird ein Schlafen und beim Aufwachen überkommt mich die Scham. Es kann doch nicht sein, dass ich für ein paar Jeans mit meiner langjährigen Freundin streite! Ja, Jeans sind knapp und daher wertvoll, aber das hier sind sie definitiv nicht wert. Aus Protest gehe ich in die Küche und esse, obwohl ich ja fest entschlossen war, es nie mehr zu tun. Und so brach ich mein kühnstes Versprechen der Neunziger Jahre.

Dann ruft E. mich zu Hause an. Vermutlich sind ihr die gleichen Gedanken durch den Kopf geschossen wie mir. Dies freut mich zwar, doch wir sind beide verlegen und irgendwie auch zu stolz, um uns auszusprechen. Und sagen kaum ein Wort am Telefon. Dann sagt sie plötzlich, dass ich die Jeans haben kann. Ich bin für einen Moment sprachlos. Es ist zwar das, was ich mir gewünscht habe, aber doch nicht so. Ich fühle, dass ich sie verrate. Und alles nur wegen einer Hose. Ich fühl mich einfach nur elend. Ich lege auf und gehe zu ihr rüber. Einen Moment lang habe ich Angst, dass sie nicht aufschließt, doch dann tut sie es doch. Wir gehen in E.’s Zimmer und nach einer langen Aussprache entschließen wir uns, nochmal in die Stadt zu gehen und eine Münze für uns entscheiden zu lassen. Davor versprechen wir hoch und heilig, dass keine von uns beleidigt sein wird, unabhängig davon, wie der Ausgang sein wird.

Wir schlendern also zurück in die Stadt und stellen entsetzt fest, dass die Jeans weg ist! Sowas nennt man wohl Ironie des Schicksals. Hätten wir uns eigentlich denken können, doch wir waren zu jung und zu sehr mit dem Streit beschäftigt. Schließlich sagt E. zu mir: „Weißt du was, wenigstens wissen wir jetzt, dass unsere Größe eine ganz durchschnittliche und normale ist!“. Das leuchtet ein und auch mein Gesicht leuchtet auf. Wir schauen uns an und können uns das Lachen nicht verkneifen.