balkanbar

AMERIKA

Verfasst von: soniato85 Am: Januar 16, 2010

Für meinen Vater, Konstanz 2010

 

Er dreht die Musik leiser. Ich kenne das Ritual schon seit langem, denn so macht er das immer, wenn er mir etwas sagen will. Mein Blick wendet sich von der vorbeirasenden Landschaft ab, hin zum immer kleiner werdenden Dreieck, das die Lautstärke der Musik anzeigt. Und dann zum Rückspiegel, wo sich unsere Blicke treffen. Ich sitze hinten, hinter ihm. Es war heute der einzig freie Platz. Der restliche Raum ist mit Paketen ausgefüllt, die er heute alle ausliefern muss.

 

Zum ersten Mal verstehe ich, was Leute damit meinen, wenn sie sagen, dass ich ihm aus dem Gesicht geschnitten bin. Denn für ein paar Momente weiß selbst ich nicht, ob ich in seine Augen oder in meine eigenen blicke. Ich kneife leicht die Augenbrauen zusammen und erkenne an der Zornfalte meine Stirn und meine Augen. Seine grünen Augen wenden sich wieder der Straße zu. Die Sonne kommt raus, seine Ray-Ban-Brille findet Verwendung und trennt wieder unsere Welten. Ich habe diese Brille stets gehasst, er hat sie immer geliebt.

 

Ich weiß nicht, was mein Vater mir sagen will. Aber die Ray-Ban kann nichts Gutes verheißen. Es hat mir nie Glück gebracht, wenn sie dabei war. Einmal habe ich sie mir von ihm ausgeliehen. Ich war irrsinnig stolz, dass er sie mir tatsächlich geborgt hat. Das hätte ich nie gedacht. Dies war meine Chance, die Brille endlich kaputt zu machen. Versehentlich, versteht sich. Doch getraut hab ich mich damals nicht. Und nun blitzt sie weiterhin allem und jedem gepflegt, stolz und kühl entgegen.

 

Endlich eröffnet er das Gespräch.

 

“Ich hab wieder bei der Green-Card-Lotterie mitgemacht.”, sagt er.

“Ja, das machst Du doch jedes Jahr.”, antworte ich.

 

Die Musik im Radio stört ihn offensichtlich noch immer, obwohl man sie jetzt wirklich kaum hört. Er gibt ein paar sehr balkanische Flüche über das balkanische Gesindel von sich, dessen Musik gerade läuft und drückt kräftig aufs Gaspedal. In der Tat hört man jetzt nicht mehr die Musik, sondern nur noch das Rattern des Motors. Vermutlich gibt es auf der Welt wirklich mindestens genau so viele Lösungen, wie es Menschen gibt.

 

“Also ich hab wieder bei der Lotterie mitgemacht.”, setzt er neu an.

“Tata, das sagtest du bereits.”, erwidere ich.

“Ach so, richtig. Nun, diesmal hat es geklappt.”

“Was?”

“Es hat geklappt.”

Ich glaube, er meint tatsächlich was er da sagt. Ich wundere mich darüber, dass sich in mir nichts regt. Und ob er sich freut oder nicht, das kann ich auch nicht richtig erkennen. Die verfluchte Ray-Ban versperrt mir den Weg. Seit dem ich denken kann, versucht mein Vater schon nach Amerika auszureisen. Niemand in der Familie dachte, dass er Chancen hat. Deshalb machte sich auch niemand die Mühe, sich gegen seinen Traum zu stellen. Seine Schwärmerei für Amerika und seine ständigen Misserfolge bei der Green-Card-Lotterie gehörten irgendwann zu unserem Leben dazu. Wir hatten uns mit seinem Amerikatraum arrangiert. Meine Mutter und ich jedenfalls. Meine jüngere Schwester weiß noch nicht, was Amerika ist. Trotzdem gibt es jemanden, der den Traum meines Vaters teilt. Das ist sein guter Freund Miro.

“Fahren wir noch kurz zu Miro, ich muss ihn kurz sehen. Lass uns danach sprechen.”, sagt er.

“In Ordnung.”

Mein Vater verschwindet ins Haus. Ich drehe die Musik lauter und will mich zurücklehnen. Da sehe ich, dass mein Vater seine Brille vergessen hat. Ich greife nach ihr und betrachte sie. Ich schwelge gerade in Gedanken, als es plötzlich an der Fensterscheibe hämmert. Es ist Miros Sohn. Ich erkenne ihn, als er den Motorradhelm abnimmt und mir ein Zeichen gibt, dass ich die Fensterscheibe runterdrehen soll.

“Hast Du’s schon mitgekriegt? Ihr habt gewonnen! Und wir auch!”, sagt er ganz aufgeregt.

 

Er ist ganz außer Atem und ganz außer sich.

 

“Mein Vater sagte es mir eben. Aber von Euch wusste ich nichts. Ihr also auch?”

“Ja, der Plan ist komplett aufgegangen!”

“Plan? Was für ein Plan denn?”

“Du weißt nichts vom Plan?”

“Nein.”

“Dein Vater ist ein Genie. Er hat Recht: Man muss einfach angeben, dass man keine Kinder hat. So haben sie’s diesmal gemacht – und geschafft. Jeder weiß doch, dass das keine wirkliche Lotterie ist. Die Amerikaner brauchen flexible Leute und Leute mit Kindern sind nun mal nicht …”

“Was? Sie haben … Was?”, stoße ich entsetzt aus.

 

Ich warte nicht mehr darauf, dass er etwas sagt. Ich steige aus dem Auto aus und haue die Tür mit voller Wucht zu. Ich greife noch nach der Brille auf dem Hintersitz und laufe. Seine fragenden Rufe treiben mich nur noch stärker und schneller weg. Ein paar Straßen weiter beginne ich, die Brille mit bloßen Händen zu zerdrücken. Ich hungere danach, sie ganz zu zerstören. Die Stücke, die abfallen, zertrete ich mit ganzer Kraft. Und am Ende starre ich nur noch auf die sonst so adrette Ray-Ban, die nun in Stücken liegt, auf einer ordinären Straße. Nirgendwo anders gehört sie hin.

Zu Hause angekommen schreite ich direkt in mein Zimmer. Es vergehen kaum ein paar Minuten, da höre ich die tapsigen Schritte meiner Schwester. Gleich danach klopft es – an der Tür und in meiner Brust. Ich denke darüber nach, was ich ihr erzählen soll. Als die Zeit noch ein Kind war, da hat Tata zu suchen begonnen. Bis ans Ende der Welt wäre er gegangen, um das Gesuchte zu finden. Und nun ist Vaters alte Suche nach der neuen Welt zu Ende. Ja. Andere Gedanken kann ich nicht fassen.

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